Es ist immer die gleiche Prozedur: nach dem Abkippen, waschen, aussortieren, sortieren und schließlich abpacken. Eine Probe wird genommen, gekocht und dem Ver-
koster gebracht. Der beginnt mit dem Verkosten und spuckt überrascht die nur mit ein wenig Butter bestrichene Kartoffel aus.
“Pfui Teufel, was ist denn mit der Kartoffel los? Ist ja nicht zu genießen! Aus welcher Lieferung ist die Kartoffel?“ Seinem Gesicht ist der Ekel anzusehen. Es muß schon sehr schlimm um den Geschmack bestellt sein, denn Bruno Lanke ist einiges gewohnt. „Die Kartoffeln sind von dem neuen Lieferanten an der Thüringischen Grenze: du weißt doch, der, der dir den Sonderpreis gemacht hat“.
Auf der Suche nach einem neuen Lieferanten war er an “Ackergold“ gekommen. KuZagrar benötigte einen zusätzlichen Lieferer für Kartoffeln, Zwiebeln und einigen anderen land-wirtschaftlichen Erzeugnissen. Die Mehrkosten für den Transport zum heimischen Betrieb im Münsterland konnte durch den erzielten Rabatt wettgemacht werden. Doch was war mit diesen Kartoffeln? Es war eine gängige Sorte, die noch nie zu Beanstandungen Anlaß gegeben hatte. Nun mußte erst einmal das Ergebnis aus dem Labor abgewartet werden. Dieses kam schneller als erwartet. Der Laborant kam selbst mit einer finsteren Miene zu Lanke ins Büro. Bruno sah auf. „Welch seltener Besuch! Was treibt dich persönlich hier hoch, Arno?“ „Das will ich dir sagen! Du hast hoffentlich nicht noch etwas von den Kartoffeln gegessen, oder?“ „Nein, habe ich nicht!“ „Dann sei froh, sonst hätten wir dich schnellstens ins Krankenhaus bringen müssen. Die Kartoffeln sind total verseucht. Neben Schwefel, Lithium und Thallium habe ich auch Blei, Quecksilber und noch einige andere widerliche Elemente gefunden, die nicht in Lebensmittel gehören. Das Silo muß sofort gesperrt werden. Außerdem benötige ich noch eine unabhängige Analyse“.
Lanke griff zum Telefon und ordnete die Sperrung des Silos an. Er ließ sich mit dem Landeswirtschaftsministerium verbinden und schilderte die Situation. Für KuZagrar war damit zunächst dieser Teil der Angelegenheit erledigt Alles Andere lag nun beim Ministerium in Düsseldorf. ---
Hier war plötzlich eine ungewohnte Hektik. Das sah alles nach einem Umweltskandal aus und war dazu noch länderübergreifend. Drei Länder schienen involviert. Der Abgabeort der Lieferung lag ja wohl in Hessen. KuZagrar ist in Nordrhein – Westfalen zu Hause, der Erzeuger mit großer Wahrscheinlichkeit in Thüringen. Oh lá lá, das konnte stressig werden, zumal nun auch das Bundesumweltamt eingeschaltet werden mußte. Die weitere Verantwortung und Federführung lag nun dort. Hinzu kam noch ein erschwerender Umstand: es war Freitag! Zwar noch nicht ganz 11:00 Uhr, aber hier war
höchste Eile geboten!
Meyer II im Bundesumweltamt (BUA) bereitete sich seelisch schon auf das Wochenende vor, als die Tür aufging und seine Chefin hereinplatzte. „Rudi, du mußt alles stehen und liegen lassen und dich um diesen Fall kümmern. Keine Widerrede, du bist der Einzige, den ich noch mit dieser Sache betrauen kann. Hör zu!“ Sie teilte ihm alles Notwendige mit und sagte auch noch, daß sie jederzeit zu erreichen sei. Rudi wußte: wenn Britta jederzeit zu erreichen war, war Alarmstufe Rot!
Um kurz nach 14:00 Uhr brachte Meyer II den Wagen mit quietschenden Reifen vor dem Büro der Bäuerlichen Bezugs - und Absatzgenossenschaft zum stehen. Er sprang aus dem Auto und lief auf das Büro zu. Die Tür wurde geöffnet. „Malenko mein Name, Sie müssen Meyer II sein“ und Malenko eilte voraus in ein angrenzendes Büro. Hier war anscheinend die halbe Belegschaft versammelt. Auf dem Tisch stand Kaffee und Gebäck sowie Wasser und Saft. „Bedienen Sie sich, wir können sofort anfangen“ sagte Malenko und stellte die anderen Personen mit Namen und Funktion vor. Auch die BBAG hatte in der Zwischenzeit nachge-forscht und festgestellt, daß die verseuchten Kartoffeln aus dem Anbaugebiet auf der thüringischen Seite stammten. Aus einem ehemaligen Gelände der Nationalen Volksarmee (NVA) war vor ca. acht Jahren ein Ackerbaugebiet entstan-
den. Die BBAG hatte zum ersten Mal auch von diesem Erzeuger „Ackergold“ zugekauft, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Mittlerweile hatte das Labor in Fulda die chemische Analyse bestätigt. Meyer II nahm sein Handy aus der Tasche, wählte eine Nummer und sagte nur: “Schicke das Team los. Ich gebe später die genaue Adresse durch. Bis dann“. Meyer II erhob sich und sagte nur lakonisch: „ Ja liebe Leute, wir haben alles Notwendige getan und können jetzt etwas essen gehen. Ich schließe mich Ihnen gerne an, Herr Malenko. Sie kommen doch mit? Sie sind herzlich eingeladen.“
Meyer II verabschiedete sich von den Übrigen. Malenko gab noch einige Anweisungen. Sie gingen zu ihren Wagen und fuhren zum Essen. Es war ein gemütliches Restaurant. Jeder bestellte ein leichtes Menue. Auf Malenko/s Frage nach dem Team erklärte Meyer II die Aufgabe und das weitere Vorgehen.
„Das Team besteht aus Spezialisten verschiedener Fachrichtungen und hat unter Anderem ein kleines, fahrbares Labor, das es aber in sich hat. So können wir inner-
halb kürzester Zeit Analysen von Bodenproben erstellen. Unser Arzt ist auch Toxikologe und mit den gängigen Gegenmitteln ausgerüstet. Aber das alles werden Sie vom Team direkt erfahren. Schauen Sie zu: es gibt eine Menge interessanter Dinge zu sehen.“ So verging die Zeit, bis Meyer II zum Aufbruch mahnte. „Wie Sie ja mitbe-kommen haben, sind meine Leute in fünfzehn Minuten bei der Firma „Ackergold“. Sie fahren am besten vor, Herr Malenko; Sie kennen sich hier besser aus“.
Die Firma „Ackergold“ war bald erreicht und zwei Autos mit Berliner Kennzeichen kamen gerade aus der Gegenrichtung auf den Platz vor dem Verwaltungsgebäude gefahren.
„Das nenne ich Timing“ sagte Meyer II, der aus seinem Auto ausstieg und das Team begrüßte, das auch schon ausgestiegen war. Auch Malenko gesellte sich zu der Gruppe. Meyer II stellte alle einander vor. „Hast du etwas gegen uns und gönnst uns das Wochenende nicht oder willst du nur wieder mit unserer Ausrüstung angeben Rudi?“ fragte ein hochgewachsener junger Mann. „So kannst du es auch sehen Erwin. Warum sollst du schon Wochenende haben, wenn ich noch arbeiten muß? Aber kommt, ich glaube wir werden schon erwartet.“
In diesem Augenblick trat ein Mann aus dem Gebäude und kam auf die Gruppe zu „Wir sind schon informiert worden, daß Sie kommen. Mein Name ist Alt. Kommen Sie bitte herein.“ „Danke Herr Alt, aber die Zeit drängt und unser Team möchte so schnell wie möglich mit der Untersuchung beginnen. Haben Sie Jemanden, der das Team begleitet?“ antwortete Meyer II. Herr Alt nickte zustimmend. „Wird sofort erledigt. Aber nun kommen Sie herein. Ihre Leute können Ihre Arbeit ungehindert durchführen.“
So bildeten sich zwei Gruppen: eine ging zur Untersuchung auf die Felder; Meyer II mit den Übrigen ins Haus. Hier war schon gute Vorarbeit geleistet worden. Alle benötigten Unterlagen standen oder lagen bereit. Der Lageplan, Nutzungsplan mit allen angebauten Sorten u.s.w. Auch der Pachtvertrag mit der Erklärung des Eigen-tümers, daß der Boden für landwirtschaftliche Zwecke ohne Einschränkung genutzt werden konnte. „Ackergold“ hatte nichts Falsches gemacht.
Drei Stunden später war das Team wieder zurück. Die Mienen ließen nichts Gutes ahnen. „Der Betrieb muß geschlossen werden und das sofort! Das gesamte Areal ist durch illegale Entsorgung von Chemikalien und wer weiß was sonst noch alles, verseucht und die nächsten Jahre nicht zu nutzen. Die Laborwerte haben sich leider alle bestätigt. Tut mir außerordentlich Leid Herr Alt. Wir haben festgestellt, daß etwa ein Meter guter Boden aufgefüllt und darauf dann Mutterboden aufgebracht wurde. Im Laufe der Zeit ist nun der Giftmüll nach oben „hochgesickert“. Das Ergebnis haben Sie nun auszubaden Herr Alt. Ihre Arbeit und die Ihrer Mitarbeiter wurde im wahrsten Sinne des Wortes „vergiftet.“
Hier endet meine Aufgabe. Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas Erfreulicheres mitteilen“ sagte Meyer II. Sie verabschiedeten sich Alle und machten sich auf den Heimweg.
„Ackergold“ hatte aufgehört zu existieren. 45 Arbeitsplätze und somit 167 Menschen wurden damit Opfer korrupter Machenschaften.
© Mst060626
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