Ein hartes Stück Arbeit lag hinter Sana! Sie
hatte es geschafft! Der letzte Algorithmus für Arbeitsabläufe und Organisation hatte
es aber auch wirklich in sich: der Schlüssel für die Basis einer neuen
Organisationsstruktur. Die Arbeitsabläufe würden mit ihrer, Sanas, Software
einfacher und schneller zu erledigen sein. Nun mußte Sana nur noch der Abteilungsleitung
das Ergebnis vorstellen und die Lauffähigkeit des neuen Programms demonstrieren.
Aber das würde sie erst am Montag machen; sie hatte einen Blick auf die Uhr
geworfen und festgestellt, daß es schon wieder einmal eine Stunde nach
Mitternacht und - Samstag war! Das Wochenende über wollte sie sich ordentlich
ausruhen. Schnell signierte sie ihre Arbeit mit ihrem Kürzel auf der letzten
Seite, wie sie es immer macht:
S: H., nun noch abspeichern,
an ihre Büro e-mail Adresse senden, ausschalten, ausziehen, ausschlafen. Genau
in dieser Reihenfolge. Die normalerweise obligatorische, warme Dusche mußte
entfallen. Zu müde! Kaum zwei Minuten später war Sana fest eingeschlafen.
Sana erwachte weil jemand an ihrer Nase
kitzelte. Ihr kleiner Sohn stand vor dem Bett und sagte: „Mama, aufstehen,
Hunger!“ Erstaunt schaute sie auf die Uhr und erschrak: es war schon 9:30 Uhr.
Sie hatte gut geschlafen und griff nach Bo, zog ihn zu sich ins Bett. „Hallo
mein kleiner Liebling, Mama hat lange gearbeitet und war sooo müde. Ich mache
gleich Frühstück. Komm ein bißchen zu mir kuscheln.“ Bo kletterte ins Bett und
warf sich auf seine Mutter. Fünf Minuten dauerte die lustige Balgerei. Dann
gewann der Hunger bei Bo die Oberhand. „Hunger, Hunger, Hun“…
„Ist ja schon gut
Bosse, Mama steht ja schon auf. Geh ins Bad und wasch dich, putz dir die
Zähne“ „…und kämm dir die Haare!“ unterbrach
und ergänzte der pfiffige kleine Mann. Er kannte dieses Ritual und wußte, daß,
wenn er aus dem Bad zurückkam, das Frühstück schon fertig sein würde.
Sana genoß diese Zeit mit ihrem Sohn: erst
sieben Jahre alt und doch schon ein ernst zu nehmender kleiner Mann und seinem
Vater sehr ähnlich. Dieser war bei einem Verkehrsunfall vor drei Jahren ums
Leben gekommen. Ein schmerzlicher Verlust, der durch ihren kleinen Bosse ein
bißchen gelindert wurde.
Und dann war da
auch noch ihr Kollege, Siegfried Heller. In der letzten Zeit hatte dieser ihr
immer deutlicher zu verstehen gegeben, daß sein Interesse an ihr sich nicht nur
auf ihre gemeinsame Arbeit bezog. Sie waren zuerst gemeinsam auf ein Bier in
der alten Brauerei gewesen; dann hatte Siegfried sie zum Essen ins „Royal“
eingeladen. Beim Bier wurde erst noch über die Arbeit gesprochen und „Siggi“
hatte Sana über alle Maßen gelobt. Nun, Sana wußte, das sie gut, nein, sehr gut
war. Das hatte sie auch auf ihre Diplomarbeit schriftlich bekommen.
Seit dem fulminanten Essen im „Royal“ war
das Thema Arbeit in den Hintergrund getreten und es ging um persönlichere
Dinge. Siggi hatte ihr den Vorschlag gemacht, gemeinsam einen Kurzurlaub zu
machen. Das war vor zwei Tagen. Sana hatte sich Bedenkzeit ausbedungen. Da kam
auch das Wochenende gerade recht. So konnte sie alles mit sich und Bosse
klären. Wenn auch ihr „kleiner Mann“ keine Einwände hatte, würde sie zusagen.
Gut erholt und mit einem Lied auf den
Lippen kommt Sana ins Büro. Siggi ist schon da und begrüßt Sana etwas
zurückhaltend. Aha, denkt Sana, er ist sich nicht sicher ob ich zusage. Gut
so, er soll nur
noch im Unklaren bleiben! Spitzbübisch lächelnd sieht sie ihn an. „Was gibt/s
Neues? Erzähle“ fordert sie ihn auf.
„Wir sollen sofort
ins Projektzimmer kommen. Der Chef will uns dringend eine Mitteilung machen“
antwortet Siggi ziemlich nervös.
Sana wird
hellhörig: was geht hier vor? Warum ist Siegfried so komisch und so kurz angebun-
den? Bereut er es schon,
sie wegen eines gemeinsamen Kurzurlaubes gefragt zu haben? Sie hatte auf ihre
Frage eine ganz andere Antwort erwartet! Statt dessen beschränkt er sich auf
eine rein dienstliche Antwort. Keine Frage nach dem Wochenende, keine Frage
nach Bo und keine Frage nach ihrer Antwort! Sehr seltsam.
Siegfried hat seine
Unterlagen schon unter dem Arm und die Türklinke in der Hand. Sana geht an
ihren Schreibtisch und nimmt alles Nötige an sich. „Ich bin bereit, wir können“
sagt sie nun auch ziemlich kurz und geht vor ihm aus dem Büro. Das
Projektzimmer ist schnell erreicht und Sana öffnet die Tür, bevor Siegfried dieses
machen kann. Der ganze Führungsstab ist schon versammelt.
„Guten Morgen“ grüßt Sana fröhlich und
geht auf das kleine Podium zu. „Guten Morgen Frau Helfer, wir freuen uns, Sie
zu sehen. Aber nehmen Sie doch bitte hier am Tisch Platz. Herr Heller wird uns
seine Arbeit als Erster vorstellen. Sie sind dann als Nächste dran. Haben Sie
bitte Verständnis dafür, daß wir uns heute nicht an „Ladies first“ halten.
Bitte Herr Heller, fangen Sie an.
Sana ist unmerklich
zusammengezuckt. Siegfried hat eine eigene Arbeit anzubieten? Das ist mehr als
seltsam. Er hat doch eine ganz andere Arbeit zugewiesen bekommen! Langsam kommt
bei Sana der Verdacht auf, daß die Arbeit, die dieser Herr Heller vorstellen
will, ihre Arbeit ist. Aha, so soll der Hase laufen! Nun mein lieber Siegfried
Heller, das wird für dich ein böses Erwachen geben. Stelle nur „meine Arbeit“
als „deine Arbeit“ vor. Ich bin gespannt, ob du meine kleinen
„Sicherheitsmaßnahmen“ entdeckt hast.
Siegfried hat inzwischen den Laptop
angeschlossen und den Projektor eingeschaltet. Die ersten 15 Minuten trägt er
die neue Organisationsstruktur reibungslos und ohne zu stocken vor. Die
Zwischenbemerkungen aus dem Führungsstab sind allesamt positiv. Nun aber kommt
die erste „Sicherheitsmaßnahme“ und Siegfried kommt ins Stocken, fängt sich
aber wieder und referiert weiter. Nach weiteren fünf Minuten dann die zweite
„Sicherheitsmaßnahme.“ Er sucht in seinen Unterlagen. Herr Groß, der zweite
Mann der Geschäftsführung, fragt Siegfried, wo das Problem liegt. Siegfried
bricht der Schweiß aus. „Ich weiß es noch nicht. Ich muß noch eine Routine
prüfen, dann geht es sofort weiter Herr Groß“ antwortet Siegfried unsicher. Er
gibt etwas in den Laptop ein und auf der Leinwand erscheinen bekannte
Werbungen, auf denen unter den ehemaligen 0190-er Nummern eindeutige
Dienstleistungen angeboten werden. Dieser Part ist auch mit Ton. Ein entsetzter
„Siggi“ versucht das Programm zu stoppen. Es gelingt ihm nicht. „Was ist denn
das für eine Vorführung Herr Heller? Beschäftigen Sie sich auch während der
Dienstzeit mit diesem Unterhaltungsprogramm?“ kommt die scharfe Frage von Herrn
Groß.
„Es ist mir äußert unangenehm.
Ich kann mir nicht erklären, wie dieses Programm auf mein Laptop kommt.
Entschuldigen Sie bitte, meine Damen und Herren.“ Siegfried schaltet den Laptop
aus.
„Wie soll es denn
nun weitergehen, Herr Heller. Wir haben wahrlich etwas Besseres zu tun, als uns
Pornofilme anzusehen. Bringen sie Ihren Laptop in den nächsten fünf Minuten zum
Laufen oder können wir diese Veranstaltung abblasen?“
„Leider bin ich im
Moment nicht in der Lage, das Programm wieder zum Laufen zu bringen. Ich
bedaure, Ihre Zeit unnütz in Anspruch genommen zu haben“ kommt es kleinlaut von
Siegfried. „Dann können wir ja wohl gehen und unsere Zeit sinnvoller
verbringen, nicht wahr, Herr Heller?“
Sana erhebt sich
und sagt. „Sie haben doch gesagt, Herr Groß, daß ich nach Herrn Heller meine
Arbeit zeigen kann. Das wäre jetzt der richtige Moment. Ich bin bereit“. „Ja
richtig, Frau Helfer, das hatte ich doch total über diese Darbietung vergessen.
Holen Sie Ihren Laptop und zeigen Sie uns Ihre Arbeit. Ich bitte darum.“
Während Sana zum
Podium geht und alles zur Präsentation bereit macht sagt sie: „Ich muß
meinen Laptop nicht
holen. Auch ist die Präsentation bis zum Zeitpunkt der „0190-er Werbung“
identisch mit meiner. In ein paar Sekunden geht es weiter. Nehmen Sie bitte
wieder Platz.“ Sana drückt einige Tasten und die Präsentation wird genau an der
Stelle fortgesetzt, an der Siegfried Heller nicht mehr weiter kam. Die kommende
Stunde redete nur Sana. Sie hatte Zuhörer, die nur durch Worte wie
„unglaublich, sagenhaft gelöst, einfach umwerfend“ und so weiter, den Vortrag
untermalten. Siegfried hatte den Projektsaal unbemerkt verlassen wollen, wurde
jedoch durch Frau Albers, die ihn dauernd beobachtet hatte, daran gehindert.
„Damit ist meine Präsentation beendet. Ich
hoffe, sie findet Ihre Zustimmung. Mit dieser Software können wir eine große Anzahl
Arbeitsabläufe optimieren und dadurch ca. 30% bis 40% Zeit einsparen. Außerdem
ist, wie Sie gesehen haben, die Fehlerquote fast auf „Null“ solange die
„Sicherheitsmaßnahme“ nicht aktiviert wird. Aber“….. „Wovon reden Sie Frau
Helfer?“ kommt nun die Frage von Frau Albers. „Was ist das, die
–Sicherheitsmaßnahme -?“ „Oh, die habe ich als Leibwächter eingebaut, damit
nicht eine andere Person meine Arbeit als die ihre ausgeben kann“ antwortet
Sana „Ich“…
„Was soll das
heißen, deine Arbeit?“ Siegfried scheint seine Sprache wiedergefunden zu haben.
„Du baust einen
Virus in mein Programm und denkst, auf diese Art und Weise kannst du mir meine
Arbeit stehlen? Die ganze Präsentation ist das Ergebnis meiner harten Arbeit und
einzig und allein von mir konzipiert. Ich habe dich ein wenig mitarbeiten
lassen, weil ich dir helfen wollte und Vertrauen zu dir hatte; doch dieses ist
jetzt gründlich zerstört. Aber“….
“Stop, es reicht
jetzt. Wenn es wirklich deine Arbeit ist, beweise es. Jetzt, sofort. Es dürfte
doch kein Problem für dich sein oder doch?“ Sana ist bei diesen Worten ganz
ruhig geblieben. Sie sieht unverwandt auf den Mann, dem sie noch vor ein paar
Stunden sagen wollte, daß sie zu einem Kurzurlaub mit ihm bereit sei.
„Natürlich nicht.
Laß mich an den Laptop.“
„Aber gerne“
antwortet Sana und schaltet das Gerät aus.
„Warum tust du das,
nun muß er erst wieder hochfahren.“
„Ja, sehr gut
erkannt. Nun los!“
Siegfried schaltet
das Gerät wieder ein. Auf dem Monitor erscheint eine Fehlermeldung. Er versucht
es noch einmal. Wieder nichts.
„Was ist Siegfried
Heller, will er nicht? Hast du dein Paßwort vergessen?“ will Sana wissen.
„Seit wann hat mein
Laptop ein Paßwort beim Start nötig?“ fragt Siegfried zurück.
„Seitdem mein
Laptop wohl dein Laptop ist und du mit dem ganzen Programm nichts zu tun hast,
Herr Siegfried Heller. Oder kannst du beweisen, das es deine Arbeit ist?“
„Ja, das kann ich.
Ich habe mein Kurzzeichen auf jede 10-te Seite eingefügt. Das beweist doch wohl
eindeutig, daß es meine Arbeit ist.“
„Und wie ist dein
Kurzzeichen, Siegfried?“
„Mein Kurzzeichen
ist S.H.“
„Großes S, Punkt,
großes H, Punkt, ist doch richtig Siegfried? Nun dann los“ sagt Sana.
„Wie lange sollen
wir noch warten, dauert Ihre Diskussion noch lange? Also Heller, Sie haben noch
eine Minute“ unterbricht Herr Groß. „Frau Helfer, machen Sie Ihrem Namen alle
Ehre und helfen Sie Herrn Heller, in die Gänge zu kommen, bitte!“
Innerhalb einer Minute läuft das Programm,
nachdem Sana einige Befehle eingegeben
hat. Sofort schiebt
Siegfried sie zur Seite und ruft Seite 10 auf. Triumphierend deutet er auf
die beiden Buchstaben.
„Hier ist der Beweis. S und H, kommen Sie und überzeugen Sie sich, meine Damen
und Herren.“
Frau Albers und
Herr Groß treten an den Laptop und sehen die Buchstaben S: H. .
„Es sind die Buchstaben S und H, wie Sie
gesagt haben, Herr Heller.“
„Na bitte, habe ich
doch gesagt“ strahlt Siegfried.
Sana wendet sich
nun an Frau Albers und bittet: „Frau Albers, würden Sie bitte die Buchstaben
und die Satzzeichen so vorlesen, wie sie auf dem Monitor zu sehen sind, mit
Groß – und Kleinschreibung und mit Leerzeichen, bitte.“
„Aber gerne Frau
Helfer. Also, ich sehe ein großes S, direkt dahinter einen Doppelpunkt, dann
ein“….“Was sehen Sie, Frau Albers?“ unterbricht Siegfried sie und wird
plötzlich ganz blaß. „Da – da - das ist doch nicht möglich“ stottert er.
Sana steht nun vor
Frau Albers und sagt mit leiser Stimme: „Danke, ich habe aus einer plötzlichen
Idee heraus ein Standardblatt für diese Arbeit entworfen und mein Briefzeichen
auf dieses Blatt gebracht. So ist jedes Blatt mit meiner Signatur versehen.
Diese Signatur ist so, wie Sie sie vorgelesen haben, nämlich:
ein großes S, direkt dahinter ein Doppelpunkt, dann ein Leerzeichen,
danach ein großes H und direkt anschließend ein Punkt.
Ich habe dieses
Zeichen schon in der Schule für meine Bilder verwendet und es ist mir lieb und
teuer. Nochmals vielen Dank, Frau Albers. Ich glaube, daß nun der Beweis für
den Urheber erbracht ist und wiederhole noch einmal: Ich hoffe, daß meine
Präsentation Ihre Zustimmung findet und füge meine Bitte um gute Zusammenarbeit
hinzu. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld, meine Damen und
meine Herren.“
Herr Groß kommt auf
Sana zu und ergreift ihre Hand. Er schaut ihr in die Augen und sagt: „Meine
liebe Frau Helfer, ich danke Ihnen für die sehr gute Arbeit, die Sie uns heute
vorgestellt haben. Ja, im Namen unsere Firmenleitung darf ich Ihnen sagen, daß
wir überaus zufrieden mit Ihrer Arbeit sind. Ich muß auch noch meine
persönliche Bewunderung über Ihre noble Haltung gegenüber Herrn Heller ausdrücken.
Was ich in Ihrer Lage mit solch einem Trittbrettfahrer gemacht hätte, weiß ich
nicht. Alles Weitere wird im Vorstand entschieden. Meinen herzlichen
Glückwunsch zu dieser ausgezeichneten Arbeit. Vielen Dank“
Nun ist schon ein
Monat vergangen. Siegfried hat gekündigt. Sana ist die Leitung der Abteilung
übertragen worden.
Die Wochenenden verbringt sie
zunächst noch mit Bosse. Aber sie ist einem netten Mann begegnet und hat Morgen
das erste Rende-vous mit ihm. Viel Glück, Sana!
© Mst 060731
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