Samstag, 25. Februar 2012

Trittbrettfahrer (Sana Helfer)


     Ein hartes Stück Arbeit lag hinter Sana! Sie hatte es geschafft! Der letzte Algorithmus für Arbeitsabläufe und Organisation hatte es aber auch wirklich in sich: der Schlüssel für die Basis einer neuen Organisationsstruktur. Die Arbeitsabläufe würden mit ihrer, Sanas, Software einfacher und schneller zu erledigen sein. Nun mußte Sana nur noch der Abteilungsleitung das Ergebnis vorstellen und die Lauffähigkeit des neuen Programms demonstrieren. Aber das würde sie erst am Montag machen; sie hatte einen Blick auf die Uhr geworfen und festgestellt, daß es schon wieder einmal eine Stunde nach Mitternacht und - Samstag war! Das Wochenende über wollte sie sich ordentlich ausruhen. Schnell signierte sie ihre Arbeit mit ihrem Kürzel auf der letzten Seite, wie sie es immer macht:
S: H., nun noch abspeichern, an ihre Büro e-mail Adresse senden, ausschalten, ausziehen, ausschlafen. Genau in dieser Reihenfolge. Die normalerweise obligatorische, warme Dusche mußte entfallen. Zu müde! Kaum zwei Minuten später war Sana fest eingeschlafen.
     Sana erwachte weil jemand an ihrer Nase kitzelte. Ihr kleiner Sohn stand vor dem Bett und sagte: „Mama, aufstehen, Hunger!“ Erstaunt schaute sie auf die Uhr und erschrak: es war schon 9:30 Uhr. Sie hatte gut geschlafen und griff nach Bo, zog ihn zu sich ins Bett. „Hallo mein kleiner Liebling, Mama hat lange gearbeitet und war sooo müde. Ich mache gleich Frühstück. Komm ein bißchen zu mir kuscheln.“ Bo kletterte ins Bett und warf sich auf seine Mutter. Fünf Minuten dauerte die lustige Balgerei. Dann gewann der Hunger bei Bo die Oberhand. „Hunger, Hunger, Hun“…
„Ist ja schon gut Bosse, Mama steht ja schon auf. Geh ins Bad und wasch dich, putz dir die Zähne“   „…und kämm dir die Haare!“ unterbrach und ergänzte der pfiffige kleine Mann. Er kannte dieses Ritual und wußte, daß, wenn er aus dem Bad zurückkam, das Frühstück schon fertig sein würde.
     Sana genoß diese Zeit mit ihrem Sohn: erst sieben Jahre alt und doch schon ein ernst zu nehmender kleiner Mann und seinem Vater sehr ähnlich. Dieser war bei einem Verkehrsunfall vor drei Jahren ums Leben gekommen. Ein schmerzlicher Verlust, der durch ihren kleinen Bosse ein bißchen gelindert wurde.
Und dann war da auch noch ihr Kollege, Siegfried Heller. In der letzten Zeit hatte dieser ihr immer deutlicher zu verstehen gegeben, daß sein Interesse an ihr sich nicht nur auf ihre gemeinsame Arbeit bezog. Sie waren zuerst gemeinsam auf ein Bier in der alten Brauerei gewesen; dann hatte Siegfried sie zum Essen ins „Royal“ eingeladen. Beim Bier wurde erst noch über die Arbeit gesprochen und „Siggi“ hatte Sana über alle Maßen gelobt. Nun, Sana wußte, das sie gut, nein, sehr gut war. Das hatte sie auch auf ihre Diplomarbeit schriftlich bekommen.
     Seit dem fulminanten Essen im „Royal“ war das Thema Arbeit in den Hintergrund getreten und es ging um persönlichere Dinge. Siggi hatte ihr den Vorschlag gemacht, gemeinsam einen Kurzurlaub zu machen. Das war vor zwei Tagen. Sana hatte sich Bedenkzeit ausbedungen. Da kam auch das Wochenende gerade recht. So konnte sie alles mit sich und Bosse klären. Wenn auch ihr „kleiner Mann“ keine Einwände hatte, würde sie zusagen.
     Gut erholt und mit einem Lied auf den Lippen kommt Sana ins Büro. Siggi ist schon da und begrüßt Sana etwas zurückhaltend. Aha, denkt Sana, er ist sich nicht sicher ob ich zusage. Gut
so, er soll nur noch im Unklaren bleiben! Spitzbübisch lächelnd sieht sie ihn an. „Was gibt/s Neues? Erzähle“ fordert sie ihn auf.
„Wir sollen sofort ins Projektzimmer kommen. Der Chef will uns dringend eine Mitteilung machen“ antwortet Siggi ziemlich nervös.
Sana wird hellhörig: was geht hier vor? Warum ist Siegfried so komisch und so kurz angebun-
den? Bereut er es schon, sie wegen eines gemeinsamen Kurzurlaubes gefragt zu haben? Sie hatte auf ihre Frage eine ganz andere Antwort erwartet! Statt dessen beschränkt er sich auf eine rein dienstliche Antwort. Keine Frage nach dem Wochenende, keine Frage nach Bo und keine Frage nach ihrer Antwort! Sehr seltsam.
Siegfried hat seine Unterlagen schon unter dem Arm und die Türklinke in der Hand. Sana geht an ihren Schreibtisch und nimmt alles Nötige an sich. „Ich bin bereit, wir können“ sagt sie nun auch ziemlich kurz und geht vor ihm aus dem Büro. Das Projektzimmer ist schnell erreicht und Sana öffnet die Tür, bevor Siegfried dieses machen kann. Der ganze Führungsstab ist schon versammelt.
     „Guten Morgen“ grüßt Sana fröhlich und geht auf das kleine Podium zu. „Guten Morgen Frau Helfer, wir freuen uns, Sie zu sehen. Aber nehmen Sie doch bitte hier am Tisch Platz. Herr Heller wird uns seine Arbeit als Erster vorstellen. Sie sind dann als Nächste dran. Haben Sie bitte Verständnis dafür, daß wir uns heute nicht an „Ladies first“ halten. Bitte Herr Heller, fangen Sie an.
Sana ist unmerklich zusammengezuckt. Siegfried hat eine eigene Arbeit anzubieten? Das ist mehr als seltsam. Er hat doch eine ganz andere Arbeit zugewiesen bekommen! Langsam kommt bei Sana der Verdacht auf, daß die Arbeit, die dieser Herr Heller vorstellen will, ihre Arbeit ist. Aha, so soll der Hase laufen! Nun mein lieber Siegfried Heller, das wird für dich ein böses Erwachen geben. Stelle nur „meine Arbeit“ als „deine Arbeit“ vor. Ich bin gespannt, ob du meine kleinen „Sicherheitsmaßnahmen“ entdeckt hast.
     Siegfried hat inzwischen den Laptop angeschlossen und den Projektor eingeschaltet. Die ersten 15 Minuten trägt er die neue Organisationsstruktur reibungslos und ohne zu stocken vor. Die Zwischenbemerkungen aus dem Führungsstab sind allesamt positiv. Nun aber kommt die erste „Sicherheitsmaßnahme“ und Siegfried kommt ins Stocken, fängt sich aber wieder und referiert weiter. Nach weiteren fünf Minuten dann die zweite „Sicherheitsmaßnahme.“ Er sucht in seinen Unterlagen. Herr Groß, der zweite Mann der Geschäftsführung, fragt Siegfried, wo das Problem liegt. Siegfried bricht der Schweiß aus. „Ich weiß es noch nicht. Ich muß noch eine Routine prüfen, dann geht es sofort weiter Herr Groß“ antwortet Siegfried unsicher. Er gibt etwas in den Laptop ein und auf der Leinwand erscheinen bekannte Werbungen, auf denen unter den ehemaligen 0190-er Nummern eindeutige Dienstleistungen angeboten werden. Dieser Part ist auch mit Ton. Ein entsetzter „Siggi“ versucht das Programm zu stoppen. Es gelingt ihm nicht. „Was ist denn das für eine Vorführung Herr Heller? Beschäftigen Sie sich auch während der Dienstzeit mit diesem Unterhaltungsprogramm?“ kommt die scharfe Frage von Herrn Groß.
„Es ist mir äußert unangenehm. Ich kann mir nicht erklären, wie dieses Programm auf mein Laptop kommt. Entschuldigen Sie bitte, meine Damen und Herren.“ Siegfried schaltet den Laptop aus.
„Wie soll es denn nun weitergehen, Herr Heller. Wir haben wahrlich etwas Besseres zu tun, als uns Pornofilme anzusehen. Bringen sie Ihren Laptop in den nächsten fünf Minuten zum Laufen oder können wir diese Veranstaltung abblasen?“
„Leider bin ich im Moment nicht in der Lage, das Programm wieder zum Laufen zu bringen. Ich bedaure, Ihre Zeit unnütz in Anspruch genommen zu haben“ kommt es kleinlaut von Siegfried. „Dann können wir ja wohl gehen und unsere Zeit sinnvoller verbringen, nicht wahr, Herr Heller?“
Sana erhebt sich und sagt. „Sie haben doch gesagt, Herr Groß, daß ich nach Herrn Heller meine Arbeit zeigen kann. Das wäre jetzt der richtige Moment. Ich bin bereit“. „Ja richtig, Frau Helfer, das hatte ich doch total über diese Darbietung vergessen. Holen Sie Ihren Laptop und zeigen Sie uns Ihre Arbeit. Ich bitte darum.“
Während Sana zum Podium geht und alles zur Präsentation bereit macht sagt sie: „Ich muß
meinen Laptop nicht holen. Auch ist die Präsentation bis zum Zeitpunkt der „0190-er Werbung“ identisch mit meiner. In ein paar Sekunden geht es weiter. Nehmen Sie bitte wieder Platz.“ Sana drückt einige Tasten und die Präsentation wird genau an der Stelle fortgesetzt, an der Siegfried Heller nicht mehr weiter kam. Die kommende Stunde redete nur Sana. Sie hatte Zuhörer, die nur durch Worte wie „unglaublich, sagenhaft gelöst, einfach umwerfend“ und so weiter, den Vortrag untermalten. Siegfried hatte den Projektsaal unbemerkt verlassen wollen, wurde jedoch durch Frau Albers, die ihn dauernd beobachtet hatte, daran gehindert.
     „Damit ist meine Präsentation beendet. Ich hoffe, sie findet Ihre Zustimmung. Mit dieser Software können wir eine große Anzahl Arbeitsabläufe optimieren und dadurch ca. 30% bis 40% Zeit einsparen. Außerdem ist, wie Sie gesehen haben, die Fehlerquote fast auf „Null“ solange die „Sicherheitsmaßnahme“ nicht aktiviert wird. Aber“….. „Wovon reden Sie Frau Helfer?“ kommt nun die Frage von Frau Albers. „Was ist das, die –Sicherheitsmaßnahme -?“ „Oh, die habe ich als Leibwächter eingebaut, damit nicht eine andere Person meine Arbeit als die ihre ausgeben kann“ antwortet Sana „Ich“…
„Was soll das heißen, deine Arbeit?“ Siegfried scheint seine Sprache wiedergefunden zu haben.
„Du baust einen Virus in mein Programm und denkst, auf diese Art und Weise kannst du mir meine Arbeit stehlen? Die ganze Präsentation ist das Ergebnis meiner harten Arbeit und einzig und allein von mir konzipiert. Ich habe dich ein wenig mitarbeiten lassen, weil ich dir helfen wollte und Vertrauen zu dir hatte; doch dieses ist jetzt gründlich zerstört. Aber“….
“Stop, es reicht jetzt. Wenn es wirklich deine Arbeit ist, beweise es. Jetzt, sofort. Es dürfte doch kein Problem für dich sein oder doch?“ Sana ist bei diesen Worten ganz ruhig geblieben. Sie sieht unverwandt auf den Mann, dem sie noch vor ein paar Stunden sagen wollte, daß sie zu einem Kurzurlaub mit ihm bereit sei.
„Natürlich nicht. Laß mich an den Laptop.“
„Aber gerne“ antwortet Sana und schaltet das Gerät aus.
„Warum tust du das, nun muß er erst wieder hochfahren.“
„Ja, sehr gut erkannt. Nun los!“
Siegfried schaltet das Gerät wieder ein. Auf dem Monitor erscheint eine Fehlermeldung. Er versucht es noch einmal. Wieder nichts.
„Was ist Siegfried Heller, will er nicht? Hast du dein Paßwort vergessen?“ will Sana wissen.
„Seit wann hat mein Laptop ein Paßwort beim Start nötig?“ fragt Siegfried zurück.
„Seitdem mein Laptop wohl dein Laptop ist und du mit dem ganzen Programm nichts zu tun hast, Herr Siegfried Heller. Oder kannst du beweisen, das es deine Arbeit ist?“
„Ja, das kann ich. Ich habe mein Kurzzeichen auf jede 10-te Seite eingefügt. Das beweist doch wohl eindeutig, daß es meine Arbeit ist.“
„Und wie ist dein Kurzzeichen, Siegfried?“
„Mein Kurzzeichen ist S.H.“
„Großes S, Punkt, großes H, Punkt, ist doch richtig Siegfried? Nun dann los“ sagt Sana.
„Wie lange sollen wir noch warten, dauert Ihre Diskussion noch lange? Also Heller, Sie haben noch eine Minute“ unterbricht Herr Groß. „Frau Helfer, machen Sie Ihrem Namen alle Ehre und helfen Sie Herrn Heller, in die Gänge zu kommen, bitte!“
     Innerhalb einer Minute läuft das Programm, nachdem Sana einige Befehle eingegeben
hat. Sofort schiebt Siegfried sie zur Seite und ruft Seite 10 auf. Triumphierend deutet er auf
die beiden Buchstaben. „Hier ist der Beweis. S und H, kommen Sie und überzeugen Sie sich, meine Damen und Herren.“
Frau Albers und Herr Groß treten an den Laptop und sehen die Buchstaben S: H. .
 „Es sind die Buchstaben S und H, wie Sie gesagt haben, Herr Heller.“
„Na bitte, habe ich doch gesagt“ strahlt Siegfried.
Sana wendet sich nun an Frau Albers und bittet: „Frau Albers, würden Sie bitte die Buchstaben und die Satzzeichen so vorlesen, wie sie auf dem Monitor zu sehen sind, mit Groß – und Kleinschreibung und mit Leerzeichen, bitte.“
„Aber gerne Frau Helfer. Also, ich sehe ein großes S, direkt dahinter einen Doppelpunkt, dann ein“….“Was sehen Sie, Frau Albers?“ unterbricht Siegfried sie und wird plötzlich ganz blaß. „Da – da - das ist doch nicht möglich“ stottert er.
Sana steht nun vor Frau Albers und sagt mit leiser Stimme: „Danke, ich habe aus einer plötzlichen Idee heraus ein Standardblatt für diese Arbeit entworfen und mein Briefzeichen auf dieses Blatt gebracht. So ist jedes Blatt mit meiner Signatur versehen. Diese Signatur ist so, wie Sie sie vorgelesen haben, nämlich:
ein großes S, direkt dahinter ein Doppelpunkt, dann ein Leerzeichen,
danach ein großes H und direkt anschließend ein Punkt.
Ich habe dieses Zeichen schon in der Schule für meine Bilder verwendet und es ist mir lieb und teuer. Nochmals vielen Dank, Frau Albers. Ich glaube, daß nun der Beweis für den Urheber erbracht ist und wiederhole noch einmal: Ich hoffe, daß meine Präsentation Ihre Zustimmung findet und füge meine Bitte um gute Zusammenarbeit hinzu. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld, meine Damen und meine Herren.“
Herr Groß kommt auf Sana zu und ergreift ihre Hand. Er schaut ihr in die Augen und sagt: „Meine liebe Frau Helfer, ich danke Ihnen für die sehr gute Arbeit, die Sie uns heute vorgestellt haben. Ja, im Namen unsere Firmenleitung darf ich Ihnen sagen, daß wir überaus zufrieden mit Ihrer Arbeit sind. Ich muß auch noch meine persönliche Bewunderung über Ihre noble Haltung gegenüber Herrn Heller ausdrücken. Was ich in Ihrer Lage mit solch einem Trittbrettfahrer gemacht hätte, weiß ich nicht. Alles Weitere wird im Vorstand entschieden. Meinen herzlichen Glückwunsch zu dieser ausgezeichneten Arbeit. Vielen Dank“

Nun ist schon ein Monat vergangen. Siegfried hat gekündigt. Sana ist die Leitung der Abteilung übertragen worden.
            Die Wochenenden verbringt sie zunächst noch mit Bosse. Aber sie ist einem netten Mann begegnet und hat Morgen das erste Rende-vous mit ihm. Viel Glück, Sana!


© Mst 060731



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