Samstag, 25. Februar 2012

Trittbrettfahrer (Sana Helfer)


     Ein hartes Stück Arbeit lag hinter Sana! Sie hatte es geschafft! Der letzte Algorithmus für Arbeitsabläufe und Organisation hatte es aber auch wirklich in sich: der Schlüssel für die Basis einer neuen Organisationsstruktur. Die Arbeitsabläufe würden mit ihrer, Sanas, Software einfacher und schneller zu erledigen sein. Nun mußte Sana nur noch der Abteilungsleitung das Ergebnis vorstellen und die Lauffähigkeit des neuen Programms demonstrieren. Aber das würde sie erst am Montag machen; sie hatte einen Blick auf die Uhr geworfen und festgestellt, daß es schon wieder einmal eine Stunde nach Mitternacht und - Samstag war! Das Wochenende über wollte sie sich ordentlich ausruhen. Schnell signierte sie ihre Arbeit mit ihrem Kürzel auf der letzten Seite, wie sie es immer macht:
S: H., nun noch abspeichern, an ihre Büro e-mail Adresse senden, ausschalten, ausziehen, ausschlafen. Genau in dieser Reihenfolge. Die normalerweise obligatorische, warme Dusche mußte entfallen. Zu müde! Kaum zwei Minuten später war Sana fest eingeschlafen.
     Sana erwachte weil jemand an ihrer Nase kitzelte. Ihr kleiner Sohn stand vor dem Bett und sagte: „Mama, aufstehen, Hunger!“ Erstaunt schaute sie auf die Uhr und erschrak: es war schon 9:30 Uhr. Sie hatte gut geschlafen und griff nach Bo, zog ihn zu sich ins Bett. „Hallo mein kleiner Liebling, Mama hat lange gearbeitet und war sooo müde. Ich mache gleich Frühstück. Komm ein bißchen zu mir kuscheln.“ Bo kletterte ins Bett und warf sich auf seine Mutter. Fünf Minuten dauerte die lustige Balgerei. Dann gewann der Hunger bei Bo die Oberhand. „Hunger, Hunger, Hun“…
„Ist ja schon gut Bosse, Mama steht ja schon auf. Geh ins Bad und wasch dich, putz dir die Zähne“   „…und kämm dir die Haare!“ unterbrach und ergänzte der pfiffige kleine Mann. Er kannte dieses Ritual und wußte, daß, wenn er aus dem Bad zurückkam, das Frühstück schon fertig sein würde.
     Sana genoß diese Zeit mit ihrem Sohn: erst sieben Jahre alt und doch schon ein ernst zu nehmender kleiner Mann und seinem Vater sehr ähnlich. Dieser war bei einem Verkehrsunfall vor drei Jahren ums Leben gekommen. Ein schmerzlicher Verlust, der durch ihren kleinen Bosse ein bißchen gelindert wurde.
Und dann war da auch noch ihr Kollege, Siegfried Heller. In der letzten Zeit hatte dieser ihr immer deutlicher zu verstehen gegeben, daß sein Interesse an ihr sich nicht nur auf ihre gemeinsame Arbeit bezog. Sie waren zuerst gemeinsam auf ein Bier in der alten Brauerei gewesen; dann hatte Siegfried sie zum Essen ins „Royal“ eingeladen. Beim Bier wurde erst noch über die Arbeit gesprochen und „Siggi“ hatte Sana über alle Maßen gelobt. Nun, Sana wußte, das sie gut, nein, sehr gut war. Das hatte sie auch auf ihre Diplomarbeit schriftlich bekommen.
     Seit dem fulminanten Essen im „Royal“ war das Thema Arbeit in den Hintergrund getreten und es ging um persönlichere Dinge. Siggi hatte ihr den Vorschlag gemacht, gemeinsam einen Kurzurlaub zu machen. Das war vor zwei Tagen. Sana hatte sich Bedenkzeit ausbedungen. Da kam auch das Wochenende gerade recht. So konnte sie alles mit sich und Bosse klären. Wenn auch ihr „kleiner Mann“ keine Einwände hatte, würde sie zusagen.
     Gut erholt und mit einem Lied auf den Lippen kommt Sana ins Büro. Siggi ist schon da und begrüßt Sana etwas zurückhaltend. Aha, denkt Sana, er ist sich nicht sicher ob ich zusage. Gut
so, er soll nur noch im Unklaren bleiben! Spitzbübisch lächelnd sieht sie ihn an. „Was gibt/s Neues? Erzähle“ fordert sie ihn auf.
„Wir sollen sofort ins Projektzimmer kommen. Der Chef will uns dringend eine Mitteilung machen“ antwortet Siggi ziemlich nervös.
Sana wird hellhörig: was geht hier vor? Warum ist Siegfried so komisch und so kurz angebun-
den? Bereut er es schon, sie wegen eines gemeinsamen Kurzurlaubes gefragt zu haben? Sie hatte auf ihre Frage eine ganz andere Antwort erwartet! Statt dessen beschränkt er sich auf eine rein dienstliche Antwort. Keine Frage nach dem Wochenende, keine Frage nach Bo und keine Frage nach ihrer Antwort! Sehr seltsam.
Siegfried hat seine Unterlagen schon unter dem Arm und die Türklinke in der Hand. Sana geht an ihren Schreibtisch und nimmt alles Nötige an sich. „Ich bin bereit, wir können“ sagt sie nun auch ziemlich kurz und geht vor ihm aus dem Büro. Das Projektzimmer ist schnell erreicht und Sana öffnet die Tür, bevor Siegfried dieses machen kann. Der ganze Führungsstab ist schon versammelt.
     „Guten Morgen“ grüßt Sana fröhlich und geht auf das kleine Podium zu. „Guten Morgen Frau Helfer, wir freuen uns, Sie zu sehen. Aber nehmen Sie doch bitte hier am Tisch Platz. Herr Heller wird uns seine Arbeit als Erster vorstellen. Sie sind dann als Nächste dran. Haben Sie bitte Verständnis dafür, daß wir uns heute nicht an „Ladies first“ halten. Bitte Herr Heller, fangen Sie an.
Sana ist unmerklich zusammengezuckt. Siegfried hat eine eigene Arbeit anzubieten? Das ist mehr als seltsam. Er hat doch eine ganz andere Arbeit zugewiesen bekommen! Langsam kommt bei Sana der Verdacht auf, daß die Arbeit, die dieser Herr Heller vorstellen will, ihre Arbeit ist. Aha, so soll der Hase laufen! Nun mein lieber Siegfried Heller, das wird für dich ein böses Erwachen geben. Stelle nur „meine Arbeit“ als „deine Arbeit“ vor. Ich bin gespannt, ob du meine kleinen „Sicherheitsmaßnahmen“ entdeckt hast.
     Siegfried hat inzwischen den Laptop angeschlossen und den Projektor eingeschaltet. Die ersten 15 Minuten trägt er die neue Organisationsstruktur reibungslos und ohne zu stocken vor. Die Zwischenbemerkungen aus dem Führungsstab sind allesamt positiv. Nun aber kommt die erste „Sicherheitsmaßnahme“ und Siegfried kommt ins Stocken, fängt sich aber wieder und referiert weiter. Nach weiteren fünf Minuten dann die zweite „Sicherheitsmaßnahme.“ Er sucht in seinen Unterlagen. Herr Groß, der zweite Mann der Geschäftsführung, fragt Siegfried, wo das Problem liegt. Siegfried bricht der Schweiß aus. „Ich weiß es noch nicht. Ich muß noch eine Routine prüfen, dann geht es sofort weiter Herr Groß“ antwortet Siegfried unsicher. Er gibt etwas in den Laptop ein und auf der Leinwand erscheinen bekannte Werbungen, auf denen unter den ehemaligen 0190-er Nummern eindeutige Dienstleistungen angeboten werden. Dieser Part ist auch mit Ton. Ein entsetzter „Siggi“ versucht das Programm zu stoppen. Es gelingt ihm nicht. „Was ist denn das für eine Vorführung Herr Heller? Beschäftigen Sie sich auch während der Dienstzeit mit diesem Unterhaltungsprogramm?“ kommt die scharfe Frage von Herrn Groß.
„Es ist mir äußert unangenehm. Ich kann mir nicht erklären, wie dieses Programm auf mein Laptop kommt. Entschuldigen Sie bitte, meine Damen und Herren.“ Siegfried schaltet den Laptop aus.
„Wie soll es denn nun weitergehen, Herr Heller. Wir haben wahrlich etwas Besseres zu tun, als uns Pornofilme anzusehen. Bringen sie Ihren Laptop in den nächsten fünf Minuten zum Laufen oder können wir diese Veranstaltung abblasen?“
„Leider bin ich im Moment nicht in der Lage, das Programm wieder zum Laufen zu bringen. Ich bedaure, Ihre Zeit unnütz in Anspruch genommen zu haben“ kommt es kleinlaut von Siegfried. „Dann können wir ja wohl gehen und unsere Zeit sinnvoller verbringen, nicht wahr, Herr Heller?“
Sana erhebt sich und sagt. „Sie haben doch gesagt, Herr Groß, daß ich nach Herrn Heller meine Arbeit zeigen kann. Das wäre jetzt der richtige Moment. Ich bin bereit“. „Ja richtig, Frau Helfer, das hatte ich doch total über diese Darbietung vergessen. Holen Sie Ihren Laptop und zeigen Sie uns Ihre Arbeit. Ich bitte darum.“
Während Sana zum Podium geht und alles zur Präsentation bereit macht sagt sie: „Ich muß
meinen Laptop nicht holen. Auch ist die Präsentation bis zum Zeitpunkt der „0190-er Werbung“ identisch mit meiner. In ein paar Sekunden geht es weiter. Nehmen Sie bitte wieder Platz.“ Sana drückt einige Tasten und die Präsentation wird genau an der Stelle fortgesetzt, an der Siegfried Heller nicht mehr weiter kam. Die kommende Stunde redete nur Sana. Sie hatte Zuhörer, die nur durch Worte wie „unglaublich, sagenhaft gelöst, einfach umwerfend“ und so weiter, den Vortrag untermalten. Siegfried hatte den Projektsaal unbemerkt verlassen wollen, wurde jedoch durch Frau Albers, die ihn dauernd beobachtet hatte, daran gehindert.
     „Damit ist meine Präsentation beendet. Ich hoffe, sie findet Ihre Zustimmung. Mit dieser Software können wir eine große Anzahl Arbeitsabläufe optimieren und dadurch ca. 30% bis 40% Zeit einsparen. Außerdem ist, wie Sie gesehen haben, die Fehlerquote fast auf „Null“ solange die „Sicherheitsmaßnahme“ nicht aktiviert wird. Aber“….. „Wovon reden Sie Frau Helfer?“ kommt nun die Frage von Frau Albers. „Was ist das, die –Sicherheitsmaßnahme -?“ „Oh, die habe ich als Leibwächter eingebaut, damit nicht eine andere Person meine Arbeit als die ihre ausgeben kann“ antwortet Sana „Ich“…
„Was soll das heißen, deine Arbeit?“ Siegfried scheint seine Sprache wiedergefunden zu haben.
„Du baust einen Virus in mein Programm und denkst, auf diese Art und Weise kannst du mir meine Arbeit stehlen? Die ganze Präsentation ist das Ergebnis meiner harten Arbeit und einzig und allein von mir konzipiert. Ich habe dich ein wenig mitarbeiten lassen, weil ich dir helfen wollte und Vertrauen zu dir hatte; doch dieses ist jetzt gründlich zerstört. Aber“….
“Stop, es reicht jetzt. Wenn es wirklich deine Arbeit ist, beweise es. Jetzt, sofort. Es dürfte doch kein Problem für dich sein oder doch?“ Sana ist bei diesen Worten ganz ruhig geblieben. Sie sieht unverwandt auf den Mann, dem sie noch vor ein paar Stunden sagen wollte, daß sie zu einem Kurzurlaub mit ihm bereit sei.
„Natürlich nicht. Laß mich an den Laptop.“
„Aber gerne“ antwortet Sana und schaltet das Gerät aus.
„Warum tust du das, nun muß er erst wieder hochfahren.“
„Ja, sehr gut erkannt. Nun los!“
Siegfried schaltet das Gerät wieder ein. Auf dem Monitor erscheint eine Fehlermeldung. Er versucht es noch einmal. Wieder nichts.
„Was ist Siegfried Heller, will er nicht? Hast du dein Paßwort vergessen?“ will Sana wissen.
„Seit wann hat mein Laptop ein Paßwort beim Start nötig?“ fragt Siegfried zurück.
„Seitdem mein Laptop wohl dein Laptop ist und du mit dem ganzen Programm nichts zu tun hast, Herr Siegfried Heller. Oder kannst du beweisen, das es deine Arbeit ist?“
„Ja, das kann ich. Ich habe mein Kurzzeichen auf jede 10-te Seite eingefügt. Das beweist doch wohl eindeutig, daß es meine Arbeit ist.“
„Und wie ist dein Kurzzeichen, Siegfried?“
„Mein Kurzzeichen ist S.H.“
„Großes S, Punkt, großes H, Punkt, ist doch richtig Siegfried? Nun dann los“ sagt Sana.
„Wie lange sollen wir noch warten, dauert Ihre Diskussion noch lange? Also Heller, Sie haben noch eine Minute“ unterbricht Herr Groß. „Frau Helfer, machen Sie Ihrem Namen alle Ehre und helfen Sie Herrn Heller, in die Gänge zu kommen, bitte!“
     Innerhalb einer Minute läuft das Programm, nachdem Sana einige Befehle eingegeben
hat. Sofort schiebt Siegfried sie zur Seite und ruft Seite 10 auf. Triumphierend deutet er auf
die beiden Buchstaben. „Hier ist der Beweis. S und H, kommen Sie und überzeugen Sie sich, meine Damen und Herren.“
Frau Albers und Herr Groß treten an den Laptop und sehen die Buchstaben S: H. .
 „Es sind die Buchstaben S und H, wie Sie gesagt haben, Herr Heller.“
„Na bitte, habe ich doch gesagt“ strahlt Siegfried.
Sana wendet sich nun an Frau Albers und bittet: „Frau Albers, würden Sie bitte die Buchstaben und die Satzzeichen so vorlesen, wie sie auf dem Monitor zu sehen sind, mit Groß – und Kleinschreibung und mit Leerzeichen, bitte.“
„Aber gerne Frau Helfer. Also, ich sehe ein großes S, direkt dahinter einen Doppelpunkt, dann ein“….“Was sehen Sie, Frau Albers?“ unterbricht Siegfried sie und wird plötzlich ganz blaß. „Da – da - das ist doch nicht möglich“ stottert er.
Sana steht nun vor Frau Albers und sagt mit leiser Stimme: „Danke, ich habe aus einer plötzlichen Idee heraus ein Standardblatt für diese Arbeit entworfen und mein Briefzeichen auf dieses Blatt gebracht. So ist jedes Blatt mit meiner Signatur versehen. Diese Signatur ist so, wie Sie sie vorgelesen haben, nämlich:
ein großes S, direkt dahinter ein Doppelpunkt, dann ein Leerzeichen,
danach ein großes H und direkt anschließend ein Punkt.
Ich habe dieses Zeichen schon in der Schule für meine Bilder verwendet und es ist mir lieb und teuer. Nochmals vielen Dank, Frau Albers. Ich glaube, daß nun der Beweis für den Urheber erbracht ist und wiederhole noch einmal: Ich hoffe, daß meine Präsentation Ihre Zustimmung findet und füge meine Bitte um gute Zusammenarbeit hinzu. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld, meine Damen und meine Herren.“
Herr Groß kommt auf Sana zu und ergreift ihre Hand. Er schaut ihr in die Augen und sagt: „Meine liebe Frau Helfer, ich danke Ihnen für die sehr gute Arbeit, die Sie uns heute vorgestellt haben. Ja, im Namen unsere Firmenleitung darf ich Ihnen sagen, daß wir überaus zufrieden mit Ihrer Arbeit sind. Ich muß auch noch meine persönliche Bewunderung über Ihre noble Haltung gegenüber Herrn Heller ausdrücken. Was ich in Ihrer Lage mit solch einem Trittbrettfahrer gemacht hätte, weiß ich nicht. Alles Weitere wird im Vorstand entschieden. Meinen herzlichen Glückwunsch zu dieser ausgezeichneten Arbeit. Vielen Dank“

Nun ist schon ein Monat vergangen. Siegfried hat gekündigt. Sana ist die Leitung der Abteilung übertragen worden.
            Die Wochenenden verbringt sie zunächst noch mit Bosse. Aber sie ist einem netten Mann begegnet und hat Morgen das erste Rende-vous mit ihm. Viel Glück, Sana!


© Mst 060731



Sonntag, 19. Februar 2012

Kartoffel – „Salat“

Es ist immer die gleiche Prozedur: nach dem Abkippen, waschen, aussortieren, sortieren und schließlich abpacken. Eine Probe wird genommen, gekocht und dem Ver-
koster gebracht. Der beginnt mit dem Verkosten und spuckt überrascht die nur mit ein wenig Butter bestrichene Kartoffel aus.
“Pfui Teufel, was ist denn mit der Kartoffel los? Ist ja nicht zu genießen! Aus welcher Lieferung ist die Kartoffel?“ Seinem Gesicht ist der Ekel anzusehen. Es muß schon sehr schlimm um den Geschmack bestellt sein, denn Bruno Lanke ist einiges gewohnt. „Die Kartoffeln sind von dem neuen Lieferanten an der Thüringischen Grenze: du weißt doch, der, der dir den Sonderpreis gemacht hat“.
Auf der Suche nach einem neuen Lieferanten war er an “Ackergold“ gekommen. KuZagrar benötigte einen zusätzlichen Lieferer für Kartoffeln, Zwiebeln und einigen anderen land-wirtschaftlichen Erzeugnissen. Die Mehrkosten für den Transport zum heimischen Betrieb im Münsterland konnte durch den erzielten Rabatt wettgemacht werden. Doch was war mit diesen Kartoffeln? Es war eine gängige Sorte, die noch nie zu Beanstandungen Anlaß gegeben hatte. Nun mußte erst einmal das Ergebnis aus dem Labor abgewartet werden. Dieses kam schneller als erwartet. Der Laborant kam selbst mit einer finsteren Miene zu Lanke ins Büro. Bruno sah auf. „Welch seltener Besuch! Was treibt dich persönlich hier hoch, Arno?“ „Das will ich dir sagen! Du hast hoffentlich nicht noch etwas von den Kartoffeln gegessen, oder?“ „Nein, habe ich nicht!“ „Dann sei froh, sonst hätten wir dich schnellstens ins Krankenhaus bringen müssen. Die Kartoffeln sind total verseucht. Neben Schwefel, Lithium und Thallium habe ich auch Blei, Quecksilber und noch einige andere widerliche Elemente gefunden, die nicht in Lebensmittel gehören. Das Silo muß sofort gesperrt werden. Außerdem benötige ich noch eine unabhängige Analyse“.
Lanke griff zum Telefon und ordnete die Sperrung des Silos an. Er ließ sich mit dem Landeswirtschaftsministerium verbinden und schilderte die Situation. Für KuZagrar war damit zunächst dieser Teil der Angelegenheit erledigt Alles Andere lag nun beim Ministerium in Düsseldorf. ---
Hier war plötzlich eine ungewohnte Hektik. Das sah alles nach einem Umweltskandal aus und war dazu noch länderübergreifend. Drei Länder schienen involviert. Der Abgabeort der Lieferung lag ja wohl in Hessen. KuZagrar ist in Nordrhein – Westfalen zu Hause, der Erzeuger mit großer Wahrscheinlichkeit in Thüringen. Oh lá lá, das konnte stressig werden, zumal nun auch das Bundesumweltamt eingeschaltet werden mußte. Die weitere Verantwortung und Federführung lag nun dort. Hinzu kam noch ein erschwerender Umstand: es war Freitag! Zwar noch nicht ganz 11:00 Uhr, aber hier war
höchste Eile geboten!
Meyer II im Bundesumweltamt (BUA) bereitete sich seelisch schon auf das Wochenende vor, als die Tür aufging und seine Chefin hereinplatzte. „Rudi, du mußt alles stehen und liegen lassen und dich um diesen Fall kümmern. Keine Widerrede, du bist der Einzige, den ich noch mit dieser Sache betrauen kann. Hör zu!“ Sie teilte ihm alles Notwendige mit und sagte auch noch, daß sie jederzeit zu erreichen sei. Rudi wußte: wenn Britta jederzeit zu erreichen war, war Alarmstufe Rot!
Um kurz nach 14:00 Uhr brachte Meyer II den Wagen mit quietschenden Reifen vor dem Büro der Bäuerlichen Bezugs - und Absatzgenossenschaft zum stehen. Er sprang aus dem Auto und lief auf das Büro zu. Die Tür wurde geöffnet. „Malenko mein Name, Sie müssen Meyer II sein“ und Malenko eilte voraus in ein angrenzendes Büro. Hier war anscheinend die halbe Belegschaft versammelt. Auf dem Tisch stand Kaffee und Gebäck sowie Wasser und Saft. „Bedienen Sie sich, wir können sofort anfangen“ sagte Malenko und stellte die anderen Personen mit Namen und Funktion vor. Auch die BBAG hatte in der Zwischenzeit nachge-forscht und festgestellt, daß die verseuchten Kartoffeln aus dem Anbaugebiet auf der thüringischen Seite stammten. Aus einem ehemaligen Gelände der Nationalen Volksarmee (NVA) war vor ca. acht Jahren ein Ackerbaugebiet entstan-
den. Die BBAG hatte zum ersten Mal auch von diesem Erzeuger „Ackergold“ zugekauft, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Mittlerweile hatte das Labor in Fulda die chemische Analyse bestätigt. Meyer II nahm sein Handy aus der Tasche, wählte eine Nummer und sagte nur: “Schicke das Team los. Ich gebe später die genaue Adresse durch. Bis dann“. Meyer II erhob sich und sagte nur lakonisch: „ Ja liebe Leute, wir haben alles Notwendige getan und können jetzt etwas essen gehen. Ich schließe mich Ihnen gerne an, Herr Malenko. Sie kommen doch mit? Sie sind herzlich eingeladen.“
Meyer II verabschiedete sich von den Übrigen. Malenko gab noch einige Anweisungen. Sie gingen zu ihren Wagen und fuhren zum Essen. Es war ein gemütliches Restaurant. Jeder bestellte ein leichtes Menue. Auf Malenko/s Frage nach dem Team erklärte Meyer II die Aufgabe und das weitere Vorgehen.
„Das Team besteht aus Spezialisten verschiedener Fachrichtungen und hat unter Anderem ein kleines, fahrbares Labor, das es aber in sich hat. So können wir inner-
halb kürzester Zeit Analysen von Bodenproben erstellen. Unser Arzt ist auch Toxikologe und mit den gängigen Gegenmitteln ausgerüstet. Aber das alles werden Sie vom Team direkt erfahren. Schauen Sie zu: es gibt eine Menge interessanter Dinge zu sehen.“ So verging die Zeit, bis Meyer II zum Aufbruch mahnte. „Wie Sie ja mitbe-kommen haben, sind meine Leute in fünfzehn Minuten bei der Firma „Ackergold“. Sie fahren am besten vor, Herr Malenko; Sie kennen sich hier besser aus“.
Die Firma „Ackergold“ war bald erreicht und zwei Autos mit Berliner Kennzeichen kamen gerade aus der Gegenrichtung auf den Platz vor dem Verwaltungsgebäude gefahren.
„Das nenne ich Timing“ sagte Meyer II, der aus seinem Auto ausstieg und das Team begrüßte, das auch schon ausgestiegen war. Auch Malenko gesellte sich zu der Gruppe. Meyer II stellte alle einander vor. „Hast du etwas gegen uns und gönnst uns das Wochenende nicht oder willst du nur wieder mit unserer Ausrüstung angeben Rudi?“ fragte ein hochgewachsener junger Mann. „So kannst du es auch sehen Erwin. Warum sollst du schon Wochenende haben, wenn ich noch arbeiten muß? Aber kommt, ich glaube wir werden schon erwartet.“
In diesem Augenblick trat ein Mann aus dem Gebäude und kam auf die Gruppe zu „Wir sind schon informiert worden, daß Sie kommen. Mein Name ist Alt. Kommen Sie bitte herein.“ „Danke Herr Alt, aber die Zeit drängt und unser Team möchte so schnell wie möglich mit der Untersuchung beginnen. Haben Sie Jemanden, der das Team begleitet?“ antwortete Meyer II. Herr Alt nickte zustimmend. „Wird sofort erledigt. Aber nun kommen Sie herein. Ihre Leute können Ihre Arbeit ungehindert durchführen.“
So bildeten sich zwei Gruppen: eine ging zur Untersuchung auf die Felder; Meyer II mit den Übrigen ins Haus. Hier war schon gute Vorarbeit geleistet worden. Alle benötigten Unterlagen standen oder lagen bereit. Der Lageplan, Nutzungsplan mit allen angebauten Sorten u.s.w. Auch der Pachtvertrag mit der Erklärung des Eigen-tümers, daß der Boden für landwirtschaftliche Zwecke ohne Einschränkung genutzt werden konnte. „Ackergold“ hatte nichts Falsches gemacht.
Drei Stunden später war das Team wieder zurück. Die Mienen ließen nichts Gutes ahnen. „Der Betrieb muß geschlossen werden und das sofort! Das gesamte Areal ist durch illegale Entsorgung von Chemikalien und wer weiß was sonst noch alles, verseucht und die nächsten Jahre nicht zu nutzen. Die Laborwerte haben sich leider alle bestätigt. Tut mir außerordentlich Leid Herr Alt. Wir haben festgestellt, daß etwa ein Meter guter Boden aufgefüllt und darauf dann Mutterboden aufgebracht wurde. Im Laufe der Zeit ist nun der Giftmüll nach oben „hochgesickert“. Das Ergebnis haben Sie nun auszubaden Herr Alt. Ihre Arbeit und die Ihrer Mitarbeiter wurde im wahrsten Sinne des Wortes „vergiftet.“
Hier endet meine Aufgabe. Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas Erfreulicheres mitteilen“ sagte Meyer II. Sie verabschiedeten sich Alle und machten sich auf den Heimweg.
„Ackergold“ hatte aufgehört zu existieren. 45 Arbeitsplätze und somit 167 Menschen wurden damit Opfer korrupter Machenschaften.



© Mst060626

Wasser

Wasser ist ein Elixier
viel wichtiger als Wein und Bier.
Wenige Tropfen zur rechten Zeit
und alles blüht dann weit und breit.
Die Natur erwacht zu neuem Leben,
will uns allen Frieden geben.
Aus lang verborgenen, kleinen Samen
erwachsen Wesen und Pflanzen -
mit schönen, oft exotischen, Namen.
Dieses alles kann die Natur uns geben:
Doch Wasser gehört unlösbar zum Leben.


© Mst 060808