Donnerstag, 20. August 2015
Chuck
Walter Meister
Eine meiner früheren Dienstreisen brachte mich nach Atlanta, Georgia/USA. Hier ist eine von mehreren Tochtergesellschaften meiner ehemaligen Firma.
Meine Aufgabe innerhalb der Elektroabteilung war das Erstellen von Schaltplänen sowie aller notwendigen damit zusammenhängenden Arbeiten um Schaltschränke
für die Zementindustrie bauen zu können.
Unsere Tochtergesellschaft hatte einen personellen Engpaß und war auf externe
Unterstützung angewiesen. Aus diesem Grunde wurde ich für die notwendige Dauer an unsere Tochter ausgeliehen.
Von dem Filialleiter wurde ich meinen neuen Kollegen vorgestellt und erhielt einen Schreibtisch ziemlich in der Mitte des Raumes – direkt neben Chuck. Ich machte mich mit meinen neuen Kollegen bekannt und begann nach einer kurzen Einwei-sung mit der Arbeit.
Es blieb natürlich nicht aus, daß es zwischendurch immer wieder zu Fragen von meinen amerikanischen Kollegen kam, die ich auch beantwortete – allerdings sah ich in fragende Augen und merkte erst jetzt, daß ich auf schwedisch geantwortet hatte: ich wusste ja, daß ich nicht deutsch reden konnte und fiel automatisch ins Schwedische, da ich erst vor kurzem aus Schweden von einer Inbetriebnahme zu-rück gekommen war. Ich entschuldigte mich und antwortete nun englisch.
Ich weiß nicht wie normalerweise in den USA gearbeitet wird; in Atlanta wurde jedenfalls von einigen Kollegen bis um 18:00 oder länger gearbeitet.
Da ich ja keinerlei familiäre Verpflichtungen hatte blieb ich also auch solange wie die Kollegen. Als Chuck mich fragte, ob ich noch mit ihm unten in der Kneipe einen
Drink nehmen würde, sagte ich natürlich JA.
Es wurde so zum alltäglichen Abschluß. Allerdings hatte ich nur ein paar Kilometer
bis zu meinen Hotel, Chuck jedoch fast 40 km. Hinzu kam, daß ich nur ein Mix aus Cola und Fanta trank, Chuck jedoch trank Bier. Bei diesen allabendlichen Abschlüs-sen konnte ich dann auch meine arg vernachlässigten Englischkenntnisse wieder auffrischen und verbessern ( Turboenglisch bzw amerikanisch ).
Nach ein paar Wochen fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte am verlängerten Wochenende mit ihm und seiner Familie zu seinem Wochenendhaus am Lake Hartwell zu fahren. Natürlich sagte ich zu, denn die Abende alleine zu verbringen war auch nicht berauschend. Also war es abgemacht, daß ich am kommenden Wochenende mit an den See fuhr. Ich hatte keine Vorstellung von der Entfernung und fragte Chuck, wie weit es bis zum See sei. „Two Six Pack’s” war die lakonische Antwort. Two Six Pack’s? Ich konnte mir darunter nichts vorstellen wollte mich aber nicht blamieren. Also nahm ich die Antwort so hin. Früher oder später würde ich schon merken, wie weit `Two Six Pack’s `war.
Wir machten uns also auf den Weg um Chucks Familie abzuholen. Seine Frau Kathy und seine beiden Kinder, Charly und Ann, warteten schon und die Fahrt konnte losgehen. Auf dem Highway angekommen griff Chuck in die Ablage neben sich und nahm eine Dose Bier aus einem `Six Pack`! Also das war die Erklärung! Na, das konnte ja heiter werden.
Gegen 5 Uhr Nachmittags waren wir dann am Ziel; die beiden Six Pack’s waren leer.
Das für mich im nach hinein Erstaunliche war, daß man Chuck nicht anmerkte das er so etwa 4 Liter Bier getrunken hatte. Mir wurde mein Zimmer gezeigt und dann ging es erst einmal hinaus. Es war ein herrlicher Frühlingsabend; etwa 22 Grad warm und eine angenehme Stille. Ich hörte die Vögel singen und die Fische im See springen. Eine Idylle. Chuck zeigte mir die Umgebung und sein Boot mit einem Johnson Außen-bordmotor und geschätzten 12 PS. Die Leistung war auch nötig, denn Chuck lief Wasserski. Dabei war Charly der Bootsführer. Aber heute Abend war nur eine kleine Rundfahrt geplant während Kathy und Ann sich um das Abendbrot kümmerten.
Hin und wieder hörte ich in der näheren Entfernung ein paar Laute und Chuck erklärte mir, daß das seine Nachbarn seien, die er auch noch kurz begrüßen wolle.
Nach dem Abendessen machten wir einen Spaziergang auf dem ich einige Ein-drücke von der Umgebung bekam. An solch einem Urlaubsort konnte man es sehr gut aushalten. Ich verbrachte eine ruhige und erholsame Nacht.
Gut ausgeruht ging es nach dem Frühstück dann zum Wasserski laufen. Dieses Ereig-nis ist der eigentliche Grund für diesen Bericht; alles Andere ist wohl so wie überall und nicht weiter erwähnenswert. Doch der Reihe nach: von der Partie war neben Chuck nur noch Charly und ich. Es war klar, daß Chuck laufen würde; allerdings hatte ich mit einem normalen Lauf gerechnet: weit gefehlt, denn Chuck war eben Chuck!
Charly übernahm das Boot, Chuck ließ die Skier ins Wasser und sprang hinterher. Im Nu war er auf den Brettern und forderte das Seil das Charly ihm gekonnt zuwarf. Dann gab Charly Gas und in ein paar Sekunden stand Chuck hoch aufgerichtet auf den Bret-tern. Doch halt: er hatte eines der Bretter schon abgeworfen und stand nur noch auf einem Brett. Da kam auch schon die nächste Anweisung: Charly – Gas!
Ich traute meinen Augen nicht, was ich nun sah – Chuck hatte das zweite Brett auch weg gestoßen und fuhr nur auf seinen Hacken Wasserski – unglaublich wenn ich be-
denke welche Last auf die beiden Hacken wirkte! Nach fast einer Minute rief Chuck dann STOP und Charly nahm sofort das Gas zurück. Wir nahmen Chuck wieder an Bord
und fuhren in einer großen Kurve wieder zurück zur Anlegestelle.
´Hey Chuck´ fragte ich, wie kannst du das nur aushalten? `Das kann ich nur, wenn ich total besoffen bin` war die lakonische Antwort.
Ja, dieses und noch viele anderen Sachen könnte ich von Chuck berichten, doch dieses ist ein Erlebnis, an das ich wohl immer denken werde.
© Mst 150501
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